Gastbeitrag: We’re praying for England: No more hurt … PLEASE!!!

Thorsten zeichnet die Historie zweier englischer Bands und der von ihnen geschriebenen Fussballhymnen nach:

England ist ausgeschieden. Wieder einmal! Und nicht zuletzt wieder einmal aufgrund traditionell indiskutabler Schuss- und Abwehrleistungen beim Elfmeterschiessen. Es scheint, dass die Ausbildung der entsprechenden Fähigkeiten bei ihnen völlig degeneriert ist. Die Inselbewohner bedürfen in dieser Hinsicht wohl unbedingt einer Auffrischung ihres Genpools. Dann klappt ’s auch wieder mit dem Elfmeterschiessen.

Auf anderem Gebiet sind die Engländer allerdings auf unabsehbare Zeit überlegen: die popmusikalische Begleitung ihrer Teams bei Europa- oder Weltmeisterschaften. Der englische Fussballfreund wurde regelmäßig durch feine Popperlen verwöhnt. Demgegenüber musste der deutsche Fussballfreund einiges ertragen: Peter Alexander, Udo Jürgens, Schlagerklischees, Stereotype über die Ausrichterländer, grausame Gesangsleistungen der involvierten Nationalspieler, alberne Frisuren.

New Order und Lightning Seeds haben gezeigt, dass es auch anders geht. Machen wir einmal eine kleine musikalische Zeitreise.

No future
England, Ende der 70er Jahre: Niedergang der Industriestandorte … Rebellion in den Städten: Bestehende soziale und kulturelle Institutionen werden von wütenden jungen Männern und Frauen in Frage gestellt. Es entsteht eine Gegenkultur: Abgrenzung in Verhalten und Denken, DIY, Zelebrierung des Andersartigen sind wichtige Maxime dieser Bewegung. Dies ist der Kontext, durch den sowohl die Mitglieder der Lightning Seeds als auch New Order geprägt werden.

And God created Manchester
Am 4. Juni 1976 spielen die Sex Pistols in der Lesser Free Hall, Manchester. Einige illustre Gäste befinden sich unter den Anwesenden: u.a. Howard Devoto, Pete Shelley, Mark E. Smith, Steven Patrick Morrissey, Anthony Wilson sowie die Herren Curtis, Albrecht und Hook. Dieses Ereignis sollte zur Initialzündung für die mankunische Musikszene werden und viele der damals Anwesenden zu ihren Protagonisten. So gründen Curtis, Albrecht, Hook (sowie Morris) Joy Division, die mit ihrem düsteren, aber melodischen Stil zur Blaupause für eine Vielzahl nachfolgender Musikergenerationen werden sollten.

Never Mind The Beatles
Gleiche Zeit, anderer Ort: Liverpool. Big In Japan – bestehend aus u.a. Ian Broudie, Bill Drummond, Holly Johnson – ist eine der zahlreichen Bands, die aus der Subkultur heraus an ihrer Vorstellung von Popmusik werkeln. Während Drummond und Johnson später die dynamischeren Karrieren starten werden, bleibt Broudie eher der Mann im Hintergrund; als Produzent verhilft er Liverpooler Szenekollegen Echo & The Bunnymen und Teardrop Explodes dazu, sich als echte Alternativen zu vorherrschenden Hörgewohnheiten in der britischen Hitparade zu etablieren.

Exit Curtis – Enter Sequencer
Nach Curtis’ Freitod machen die verbliebenen Mitglieder als New Order weiter. Während die erste Single und das Debütalbum eine Band im Umbruch abbildet – auf der Suche nach Emanzipation von ihrer Vergangenheit – wird auf den nachfolgenden Singles durch den Einsatz von elektronischer Klangerzeugung ein musikalischer Ausweg gefunden. Die Freunde des Selbstmörders lernen zu tanzen: Everything’s Gone Green – Temptation – Blue Monday. Bis zur kreativen Pause in den 90ern folgen eine Vielzahl von Singles und Alben.

Pure and simple
Es dauert bis 1989 als Broudie den Mut fasst, selbst zu singen: Pure – der erste kleine Hit seines Popprojektes Lightning Seeds. Es folgen weitere Singles und Alben – international eher unbeachtet (nerdige Popmusik-Konnaisseure einmal ausgenommen).

E for England
Ende der 80er: Explosion der Clubkultur … Acid House … überall Verrückte – auf den Tanzflächen, in aufgegeben Lagerhäusern … Grosse Teile des Landes werden davon erfasst – selbst die heimischen Rindviecher bleiben nicht verschont. Es ist nicht verwunderlich, dass New Order, welche das Geschehen in und um die Clubs nachhaltig mitgeprägt haben, 1990 auserwählt werden die offizielle Hymne der englischen Italien-Fahrer beizusteuern: World in Motion. Positiv zu erwähnen ist hier auch die völlig unpeinliche Rap-Einlage des englischen Nationalspielers John Barnes.

Thirty Years of hurt
1996 erfolgt internationale Durchbruch für die Lightning Seeds: anlässlich der EM 1996 schreibt Broudie zusammen mit den Comedians Baddiel und Skinner Three Lions. Der Titel ist so erfolgreich, dass er in Verkennung des tatsächlichen Inhaltes (nämlich die seit dem letzten Titelgewinn im Jahre 1966 dreißig Jahre währende Zerrissenheit des englischen Fans zwischen Optimismus vor und enttäuschten Erwartungen nach Turnierbeteiligungen englischer Nationalmannschaften) auch von gegnerischen Fans gesungen wurde – nicht zuletzt auch aufgrund des Südkurven-Schlachtruf-kompatiblen Refrains.
Zusätzlichen Schmerz erfuhren die Engländer (und nicht nur die) als die Spieler der deutschen Nationalmannschaft nach dem Titelgewinn „Football`s Coming Home“ bei ihrer Rückkehr auf dem Balkon des Frankfurter Römer intonierten. Ob der Grausamkeit des Dargebotenen wähnten sich einige auch an eine andere Herrenriege erinnert, die etliche Jahre zuvor vor einem Berliner Rathaus durch mäßigen Gesangsvortrag… aber lassen wir das.

Post Skriptum
Während die Lightning Seeds wieder in der Versenkung verschwunden sind – von den regelmäßigen Wiederveröffentlichungen von Three Lions zu Fussball-Grossereignissen abgesehen – sind New Order nach Jahren der Inaktivität erst seit 2001 wieder eine funktionierende Band, die mittlerweile zu den Sachverwaltern ihres eigenen Erbes geworden ist – allerdings auf sehr hohem Niveau.

2 Einwürfe

  1. Jan said,

    July 5, 2006 @ 21:28

    Radio, live Transmission…

    Ein sehr schöner Artikel.

  2. Erik said,

    July 5, 2006 @ 21:52

    Kann ich mich nur anschließen, sehr schöner Artikel, danke nochmal Thorsten! Ich möchte jedem, der sich das Video zu Three Lions ansehen möchte, den Link zum Rerelease von 1998 empfehlen – eindeutig das lustigere Video! :)

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