plomlompom in der Coca-Cola-Fußball-WG
(Parallelveröffentlichung bei plomlompom und Kick Dich.)
Vorgeschichte
Frühjahr 2006: Proteste und Boykotts der Linken haben die Coca Cola Company beinahe in die Knie gezwungen. Die Bosse des Unternehmens stehen kurz davor, ihre Niederlassungen in Südamerika der Arbeiterschaft zu schenken, jedem Inder eine Rente von fünf Apollinaris-Flaschen täglich zu spendieren und sich kleinlaut aus den Märkten des übrigen Planeten zurückzuziehen, um sich zugleich für ein Jahrhundert amerikanischen Kulturimperialismus zu entschuldigen. Die Welt atmet auf: Die Befreiung von der tyrannischen Knute des Brause-Monsters naht.
Doch die Welt hat nicht mit den evil masterminds von Knallgrau New Media Solutions gerechnet. In ihrer Firmenzentrale im finsteren Österreich, einem Lande jenseits diesseits der Karpaten, das schon so manches Unheil auf den Planeten warf, plotten sie genialisch die kapitalistische Konterrevolution: Die neben Coca Cola übrigen beiden größten Übel der Menschheitsgeschichte, der Fußball und die Korrumpierbarkeit einiger Vertreter des Welt-Hoffnungsträgers Bloggertum, sollen mit dem ersten Übel zusammengeschweißt und so zu einer Atombombe wider die Aufklärung und Emanzipation gestählt werden.
Der Plan im Einzelnen: Die Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer in der BRD schaltet bereits einen Großteil der kritischen Fakultäten auch im europäischen Bloggertum aus. Hierein setzt Knallgrau, in Kooperation mit der Coca Cola Company, eine Gehirnwäsche-Fabrik in Form einer verführerisch fußballthematisch eingerichteten Edel-WG. Hier sollen jene, die inzwischen die Weltöffentlichkeit beherrschen — die Elite der Meinungsmultiplikatoren, die sich Bloggertum nennt –, zu willigen Coca-Cola-Propaganda-Sklaven umerzogen und so der unvermeidlich erscheinende Untergang des Coca-Cola-Imperiums in letzter Minute aufgehalten werden. Der ethische und emanzipative Anspruch des Bloggertums, jener letzten Hoffnung der Menschheit auf Rückeroberung der Medien und infolge ein besseres Zusammenleben aller Völker und noch mehr Katzenbilder, werde nebenbei gleich mit erledigt.
Für Stärkung des Monopolkapitalismus und Untergrabung emanzipativer Bewegungen ist plomlompom natürlich immer zu haben. Also ließ ich meine Kontakte zum zwielichtigen Igor spielen, der es mit hinterhältigen Tricks (“ich habe mich einfach beworben“) für drei Tage in die WG schaffte. Zwei Mal besuchte ich ihn.
Der erste Besuch: Fußball ist ein schöner Sport
Meine umfangreiche photographische Dokumentation des ersten Tages fiel leider dem Verlust meiner Kamera zum Opfer. Der geneigte Leser könnte sonst die Pracht des Wilmersdorfer Nobelhauses bestaunen, in dem die WG placiert ist, den filmreifen Fahrstuhl, die schwindelerregende Wendeltreppe hinauf ins oberste Stockwerk. Dort findet sich das Luxus-Appartment, in das Coca Cola und Knallgrau die naiven Bloggerkinder einsperrt, mit nichts als Kühlschränken endloser Vorräte edler Biere und sämtlicher denkbarer und undenkbarer Soft-Drinks der Coca Cola Company, einem riesigen HD-Breitbildfernseher mit X-Box, Computer-Terminals, Kunstobjekten, Schlafgemächern, einem gigantischen Badezimmer und einem Dachgarten mit Blick über die zu Füßen liegende Stadt und den Kudamm. Noch um ein Weiteres intellektuell zermürbend die monothematische Innendekoration: Fußballteppiche, Fußbälle von der Decke runterhängend, kleine Fußball-Actionfiguren allerorten, Fußballsitzsäcke.
Im Allgemeinen dem Bösen und damit auch der Coca Cola verschrieben, konnte ich dennoch an Fußball noch nie so recht etwas Interessantes finden. Aber der zwielichtige Igor nahm mich sogleich zur Seite und setzte mich an die X-Box, wo gerade ein Fußball-Videospiel lief. Rasch war ich begeistert, denn mitspielend verstand ich nun intuitiv die Regeln des Fußballsports: Man steuert eine Mannschaft und muss mit dieser versuchen, den Spielern der gegnerischen Mannschaft möglichst oft möglichst brutal und schmerzvoll gegen die Beine zu treten, während sie den „Ball“ haben (ein im Grunde sonderbares und nebensächliches Accessoire, das ab und an unabsichtlich in Netzen an beiden Rändern des Spielfeldes landet, was wohl in empörendem Maße gegen die Regeln verstößt, denn dann gibt es immer erhebliche Leidenschaftsausbrüche bei Mannschaften und Zuschauern). Bei diesem tretenden Hinfallen und Beinstellen sammelt man Punkte, die sich „Fouls“ nennen. Hat ein Spieler genug oder besonders gute „Fouls“ zusammen, gelangt er aus dem Spielfeld hinaus in wahrscheinlich die nächsthöhere Spielstufe, und die Mannschaft hat gewonnen, die als erstes alle ihre Spieler in diese nächsthöhere Spielstufe bugsiert hat. Hätte ich das mal früher verstanden, wäre ich bestimmt mit einem größeren Interesse für dieses schöne Spiel aufgewachsen. Jedenfalls macht die Sportart so richtig Spaß.
Jeden Tag eine böse Tat, ist das Lebensmotto vom zwielichtigen Igor, so dass er überaus zufrieden war, mich solcherart in der Gehirnwäsche-WG zum Fußballfan erzogen zu haben. Das Tagewerk war verrichtet, wir stürzten uns ins Nachtleben, trafen einen weiteren Netzmenschen und fuhren mit ihm nach Kreuzberg, um dort dort kurz in die Kick-dich-Gründungskneipe rein und auch gleich wieder raus zu schauen.
Der zweite Besuch: Medienverschwörung unter Beobachtung
Am Sonnabend dann besuchte ich den zwielichtigen Igor von Neuem in der WG, wo er bereits eine veritable Netzverschwörung um sich geschart hatte. Rechtzeitig zu einem dekadenten Dachgarten-Grillnachmittag war das Medienrauschen-Imperium angereist. Über den Kudamm und darüber hinaus blickschweifend, genoss man die frische Luft diverse Stockwerke über dem versmogten Normalbürgerstraßengrund, lümmelte sich unter zwei großen Sonnenschirmen in eleganten Fußball-Sitzsäcken, schlürfte das Blut südamerikanischer Kinder aus edlen Cola-Flaschen und beratschlagte, was man über die Coca-Cola-Werbung auf der Medienrauschen-Website hinaus noch so an Bösem über die Welt bringen könne, bevor die Diskussion unweigerlich zum Chic oder Non-Chic der neuen Apple-Notebooks abglitt.
Jäh wurde das Konspirieren unterbrochen, als ein investigativer Journalist mit Kameramann aufs Dach gesprungen kam, der sich unter seiner Tarnidentität MC Winkel vorstellte. Hinterhältig bot er sein sicherlich mit Wahrheitsdrogen und Ortungssonden durchsetztes Holsten an. Beim kurz darauf beginnenden Spiel England gegen Portugal placierte er sich, wie dieses Foto dokumentiert, in seiner Guckposition auffällig nah am zwielichtigen Igor, den er fraglos auszuhorchen suchte, so dieser mit dem neben ihm sitzenden plomlompom Geheimcodes austausche. Auch MC Winkels am selben Tag noch veröffentlichte Dachgarten-Videoreportage ist ein nur oberflächlich durchs Vordergrundgeschehen verhüllter Paparazzo-Angriff auf die Medienrauschen-Verschwörung, die im Video bei den Stellen 00:00-00:01, 00:07, 00:08, 00:16-00:43 und 06:31-07:17 klar und deutlich im Hintergrund zu erkennen ist (während plomlompom himself treppensteigend seinen großen Hintergrund-Auftritt bei 00:57-00:59 genießt).
Das Spiel England gegen Portugal indes war bald zu langweilig, als dass plomlompom es weiter verfolgt hätte. Erst bei diesen rangepappten Torschuss-Momenten am Schluss (wie nennen Fußballer sowas gleich nochmal?) fasste plomlompom sich ein Herz und eine Bonaqua-Flasche und hatte Anlass zu einigem grouchomarxigen Augenbrauenhochziehen, wie dieses Video ab 00:28 dokumentiert.
Joerg-Olaf said,
July 4, 2006 @ 2:47
Christian, ich möchte ein Kind von dir!
yamb - mein notizdings » Christian, ich möchte ein Kind von dir! said,
July 4, 2006 @ 3:07
[...] Was genau passiert war und wie Medienrauschen die Welt in Zusammenarbeit mit Opel, Coca-Cola und den evil masterminds von Knallgrau New Media Solutions unterjochen wird, könnt ihr in dieser investigativen Hintergrundreportage von Christian bei kick-dich.de nachlesen! [...]
Christian said,
July 4, 2006 @ 3:20
Joerg-Olaf: Ich dachte, die Eierstöcke seien bereits raus?
Memento Diem said,
July 4, 2006 @ 10:03
[...] Tjo, so schnell gings. Drei Tage in der Coke-WG gehen schnell vorbei. Schneller gehts auch, wenn man noch einige Leute aus Berlin kennt oder ein ein medienrauschen-Treffen in der WG organisiert. Jedenfalls war es am Sonntag eine reichlich große Party, die, trotz der Niederlage von England, auch wirklich Spaß gemacht hat. Wenn ihr einen detailierten Szenebericht haben wollt, empfehle ich den investigativen Journalismus von Christian. Der wagte es auch noch das Ganze in seinem privatem Blog und bei kick-dich gepostet. [...]
jo said,
July 4, 2006 @ 15:37
Christian: Nein, das war eine Niere. Funktioniert inzwischen aber wieder.
Fooligan • Die Journalistenfalle said,
July 6, 2006 @ 12:54
[...] Kennt Ihr das auch? Ihr lest irgendetwas im Netz, Euer Hirn wirft Blasen, weil das Gelesene so schlecht bekömmlich ist, so mittelfaschistisch, langweilig oder was auch immer. Ihr packt das Rasiermesser aus, um über den Schreiber herzufallen und merkt dann, dass Euer Opfer der beste Freund von Blogger XY ist, mit dem Ihr Euch bei Diskussionen auf Großblog Z immer so schön einig seid. Oder, hypothetisch gesprochen: Ein Konzern, der für mehr Fälle von Diabetes verantwortlich ist als Zucker selbst (und das ist das Positivste, was sich über ihn sagen lässt), lädt in eine Wohngemeinschaft ein. Diese verfasst im Verbund während der WM so herzzerreißend schlechte Texte in einer dem Englischen verwandten Sprache, dass Ihr es nicht schafft, auch nur einen einzigen Text zu lesen. Aber Euer Lieblingsblogger, nennen wir ihn DJ, macht da auch mit. Der wird sich doch was dabei gedacht haben. Also lässt man die Sache ruhen. Das ist die Journalistenfalle. Oder Sympathiefalle, Gefälligkeitsfalle, Bundespresseballmiteinanderabgestürztseinfalle. Das ist der Grund, warum die SZ alle Kommentatoren der WM gut findet. Warum Politiker immer erst nach ihrer Karriere mit ihren Skandalen behelligt werden. Warum wir die Mainstreammedien so verabscheuen. Und noch ehe der Scheck vom Spreeblick-Verlag Gelegenheit hatte zu platzen, sitzen wir mittendrin. . [...]
Fooligan • Die Journalistenfalle said,
January 27, 2007 @ 3:06
[...] Fälle von Diabetes verantwortlich ist als Zucker selbst (und das ist das Positivste, was sich über ihn sagen lässt), lädt in eine Wohngemeinschaft ein. Diese verfasst im Verbund [...]
mach-Proteste » ist auch gut - Die Proteste in Spanien gegen den Krieg … said,
June 5, 2008 @ 0:01
[...] protestenst: Ich kann nachvollziehen, dass man solche Leute schwer > erträgt. (Neulich war der Perle da – und der ist z.B. richtig > widerlich. Dagegen ist Kagan sozusagen “leichte Kost”). Das aber > viele Seiten Raum bekommen zur Darstellung ihrer Ansichten, ist > wirklich gut so. Leute wie Perle oder Kagan müssen sogar unbedingt reden dürfen. Je weiter sie sich mit ihren neoliberalen, faschistischen Allmachtsphantasien in den deutschen Medien aus dem Fenster lehnen, desto mehr demaskieren sie sich. Aus genau diesem Grund halte ich ein “Redeverbot” für Rechte auch für falsch. Man muß wissen wofür diese Leute stehen um sich eine Meinung bilden zu können und herzhaft dagegen zu sein. Solange dabei die Ausgewogenheit gewahrt bleibt und ihre Auftritte die Medien nicht zur Bühne für ihr verlogenes Schauspiel verkommen lassen, solange ist das zur Aufklärung über ihre wahren Ziele sehr wichtig. Ich persönlich bin trotzdem der Ansicht das man solche Typen bei ihrem Weg aus dem Studio abfangen und zünftig verprügeln sollte. > großen Vorteil. Der Kadavergehorsam und das gnadenlose und > monothematische “Führer befiel, wir folgen!” auf CNN macht diesen > Unterschied sehr schön deutlich. Selbst auf die Gefahr hin, dass es Ich kann in diesem Zusammenhang nur immer wieder http://www.aeronautics.ru empfehlen. Die Seite wird von russischen Journalisten gemacht die offensichtlich die Berichte der russischen Militäraufklärung direkt auf den Tisch bekommen und übersetzen. Selbstverständlich sind auch diese Berichte mit einer entsprechend vorsichtig-kritischen Haltung zu lesen. > als Arroganz verstanden wird: Ich glaube, das fehlt den VSvA noch ein > (evtl. leidvoller) Entwicklungsschritt. Die sind als Staat und als > Kultur noch in einer Art fortgeschrittenem Kinderstadium > steckengeblieben. Das ausgerechnet diese mentalen Kinder die größte > technische Zerstörungsmacht in Händen halten, ist natürlich > beängstigend. Dem kann ich nur beipflichten. [...]