Komplexe Komplexe

Diese Flaggendiskussion ist ja teilweise ebenso merkwürdig (um mal das unsägliche „typisch deutsch“ zu vermeiden) wie das Phänomen bemerkenswert.

Darf man das, als Deutscher einfach so mit Flagge rumlaufen und fröhlich sein? Wird man gleich zum Patrioten oder gar Nationalisten, wenn man es trotzdem tut? Und was wäre an Patriotismus auch ausserhalb von Bayern schlimm? Ist im Grunde nicht bereits die Frage albern, ob man darf?

Klar, man kann (und muss) einiges kritisieren an dieser WM. Die Erosion von Bürgerrechten unter dem Deckmantel der Sicherheit, die Kommerzialisierung mit all ihren Auswüchsen, …

Aber gleich eine Genderdebatte, weil es ja eine „Männer-WM“ ist? Eine Rassimus-Diskussion, weil es auch in deutschen Stadien ein paar Idioten gibt, die ihr Primatentum öffentlichkeitswirksam kommunizieren müssen?

Als jemand, der weder mit pro- noch antideutschem Fanatismus sonderlich viel anfangen kann, bin ich immer wieder fasziniert von Webseiten wie „Vorrundenaus“ (Motto: „Deutschland vom Platz fegen“) oder diesem Flaggensammelcontest (“weil wir nicht deutschland sind!“). Bei letzterem gefunden:

weiblicher Fußballfan mit Dokt (17.6.06 15:22)

ich bin ganz schön froh, dass ich Marx gelesen habe, demonstriert habe, die Geschichte der RAF und der 68er studiert habe, Frauen- un Geschlechterforschung quasi zu meiner Lebensaufgabe gemacht habe und Punk an manchen Tagen rauf und runter läuft bis die Nachbarn klingeln…
…und trotzdem nicht so geworden bin wie ihr. Wegen Leuten wie euch hängt heute zum ersten Mal in meinem Leben die Deutschlandfahne aus dem Fenster meines Schlafzimmers, weil es kein Zeichen von Patriotismus, Nationalismuns oder rechtem Gedankengut ist, sondern teil einer großen friedlichen Fußballparty, in der alle Nationen zusammen feiern. Wie wäre es wenn ihr euch statt solcher Aktionen mal mit dem Thema „interkulturelle Aspekte des Fußballs“ beschäftigt?

Einen ganz anderen Ansatz hat Andrea Diener, gig.antville.org:

So befinde ich mich also in einem moralischen Zwiespalt und beneide den türkischen Koch ein bißchen, der, in der Mittagspause meine Penne bereitend, zur polnischen Bedienung meinte: „Ha! WIR haben’s EUCH gegeben!“ und so ganz unverkrampft deutschpatriotisch natürlich nicht die türkische Mannschaft meinte, denn die ist ja nicht qualifiziert, [...]

Eine ordentliche Fußballmannschaft scheint mehr zu bewirken als zwei Jahrzehnte Integrationspolitik, weil so elf Trikottypen natürlich leichter mal zu bewundern sind als ein Bundestag voller Anzugmenschen, weil die Fronten klar sind, die Regeln nicht übermäßig kompliziert und am Ende so hübsch abstrahierte Nummern stehen, über deren Bedeutung man dann ausführlich abphilosophieren kann.

Und nu? Was machen wir daraus? Bleiben wir Freunde, auch wenn die meisten Gäste in drei Wochen wieder das Land verlassen haben?

2 Einwürfe

  1. Kick Dich » Wie es wohl am 10. Juli sein wird? said,

    June 22, 2006 @ 3:55

    [...] Irgendwas passiert gerade in diesem Land. Abseits von kotzenden Bierleichen und den feuchten Träumen ewig Gestriger: Vielleicht hat sich der ganze Aufwand schon allein dafür gelohnt. [...]

  2. yamb - mein notizblog » Wie es wohl am 10. Juli sein wird? said,

    June 22, 2006 @ 3:57

    [...] Irgendwas passiert gerade in diesem Land. Abseits von kotzenden Bierleichen und den feuchten Träumen ewig Gestriger: Vielleicht hat sich der ganze Aufwand schon allein dafür gelohnt. [...]

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